ANgeDACHT


Seit Aschermittwoch leben Christinnen und Christen in der Passionszeit. In ihr kann nachgedacht werden über Leben und Tod – und über die Kraft Gottes, die stärker sein soll als alles, was uns bedrückt und ängstigt. Hinzu kommen in jedem Jahr die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse, die uns mit prägen.

In diesem Jahr 2020 betrübt und ängstigt viele Menschen die Zukunft, weil sie ungewohnt ungewiss ist. Wie geht es weiter mit den Infektionen hier in Deutschland und weltweit? Was ist mit meinem Arbeitsplatz? Mit meinen sozialen Kontakten, mit mir? Alles scheint zu wackeln.

Ich ertappe mich selber dabei, dass ich gerne den Tag und die Stunde im Voraus wüsste von allem, was in dieser Hinsicht noch kommt. Wann können unsere Kinder wieder zur Schule? Wann kann ich wieder unterrichten und Gottesdienste feiern? Wann kann ich mich in meiner Familie unbeschwert bewegen und Diez und Umgebung genießen? Und ich bin gewiss: auch Sie, liebe Leserin, lieber Leser, würden gleichfalls gerne den Tag und die Stunde im Voraus wissen.

Manchmal sehe, lese und höre ich deshalb mehr Nachrichten zum Thema, als mir gut tut. Denn schön wäre es doch, könnte mir hier ein Mensch sagen: „Zu diesem Zeitpunkt wird dieses und jenes geschehen!“ und: „Ab diesem Zeitpunkt ist alles wieder gut.“ Oder auch nicht. Danach suche ich dann …

Aber es wäre gefährlich, auf solche Menschen zu hören, die meinen, irrtumsfrei in die Zukunft schauen zu können. Falsche Hoffnungen würden da geweckt oder, schlimmer noch, Angst vor manchem Horror geschürt. Menschen, die solches tun, meinen es selten gut. Entweder denken sie an ihren eigenen Vorteil, wollen Aufmerksamkeit oder eigenen Ängste damit überdecken.

Fast automatisch fallen mir Gott sei Dank dann Worte von Jesus ein, die, auch wenn in ganz anderen Zusammenhang gesprochen, doch hilfreich sind. Ein Satz Jesu stärkt mich dabei ganz besonders: „Seid also wachsam, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde im Voraus.“ (Matthäus 25,13; NGÜ).

Die Botschaft ist klar: Wir Menschen können nach christlicher Überzeugung nicht in die Zukunft schauen. Wir wissen letztlich nie, was am nächsten Tag sein wird; ja noch nicht einmal, was in der nächsten Stunde sein wird. Wir können mit mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit manches erwarten, aber absolut sicher zu planen ist die Zukunft nie. Und: Genau weil wir das nicht können, sind wir auch davon entlastet, das tun zu müssen!

Jetzt aber in Fatalismus zu verfallen nach dem Motto „Ich kann ja doch nichts machen“, wäre, wieder nach christlicher Vorstellung, auch der falsche Weg. Denn Jesus schärft ein: „Seid also wachsam.“

Ja, gerade weil wir nicht wissen, was die Zukunft bringt, sollen wir besonders energiegeladen, aufmerksam und aktiv sein. Um jederzeit in jeder Situation angemessen zu reagieren. Um irgendwann das Ende der Epidemie zu feiern.

Klar. Jesus hat vor fast 2000 Jahren diesen Satz nicht zu Menschen gesprochen, deren Leben sich durch eine Epidemie für eine Zeit lang völlig verändert hat. Er hat vielmehr seine Freunde auf seine Gefangennahme und seinen Tod vorbereitet.Er wollte ihnen Hoffnung machen auf Gott, der seinen Tod und den Tod aller Menschen mit strahlender Liebe überwinden wird.

Auch hier gilt: Wann das sein wird, wer es wann erleben wird, das konnte und kann kein Mensch bestimmen. Auch hier weiß keiner den Tag noch die Stunde im Voraus. Damit müssen wir Menschen leben.

Die Freunde von Jesus haben sich den ganzen Satz zu Herzen genommen. Sie haben damals gleichfalls nicht mit Fatalismusreagiert, sondern mit Energie, Aufmerksamkeit und Aktivität – ihr Leben gestaltend. Sie wussten: „Irgendwann wird sie erscheinen, die unendliche Freundlichkeit Gottes. In dieser Hoffnung leben wir.“ 

Liebe Leserin, lieber Leser, unser christlicher Glaube ermutigt so zu einem Leben im Hier und Jetzt, ohne den Zwang, die Zukunft voraussehen zu müssen. Das befreit. Gleichzeitig sollen wir wachsam sein bei allem, was wir tun. Kann das gelingen?

Ja, und wie. Ich erlebe das in dieser Zeit ganz aus geprägt hier in und um Diez, übrigens über alle Konfessionen und Religionen hinaus, uns alle verbindend. Was hier Nächstenliebe geschieht, ist wunderbar. 

Und so kann ich akzeptieren, dass ich Zeit noch Stunde nicht kennen, wann die Epidemie vorbei ist und wann Gottes Liebealles überstrahlen wird. Ich fühle mich schon jetzt getragen von der Liebe Gottes zu uns, seinen Töchtern und Söhnen, und untereinander. Und ahne so schon ein Stück, was an Ostern geschehen ist und geschehen wird.

Mögen Sie diese Gedanken ermutigen und stärken!

Seien Sie ganz herzlich gegrüßt, Ihr Pfarrer Christian Dolke, Jakobusgemeinde

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